Solidarisches Netzwerk von Nachbarschaft und Gewerbetreibenden in Berlin-Kreuzberg

Das 80er Fest

Gertruds Achtzigster
Ein Symbol für Lebendigkeit


Sicherlich keineswegs ein Grund sich trübem Pessimismus hinzugeben, was den Wunsch nach Lebendigkeit und Erhalt unserer Kieze betrifft, sollte man meinen. Aber Gertrud steht wie nur noch wenige im Kiez für widerständiges Durchhaltevermögen, Lebenswillen und unablässigen Humor. Ähnlich symbolisch für die Authentizität und Zukunft eines Kiezes, wie der letzte inhabergeführte Gemüseladen, das letzte Papiergeschäft oder der letzte kulturelle Ort bis hin zur letzten Tankstelle vor dem Osten.

Eher zufällig entstand die Idee ihren runden Geburtstag zum Anlass zu nehmen, mit einem Fest darauf hinzuweisen und entsprechend einzuladen, dass viele ältere Menschen über die Jahre stillschweigend aus dem Kiez verdrängt werden, sich verdrängen haben lassen. Manche sterben allerdings einfach auch eines natürlichen Todes, ja, nur die wenigsten schaffen es tatsächlich so weit in diesem Kiez. Denn viele haben nach tollen Jahrzehnten dann irgendwann genug an Kummer durch Vereinsamung, den existenziellen Lebensfragen und damit Stress in sich angesammelt, um dann oftmals gesundheitlich gefährdet in ein Heim umziehen zu müssen, wenn es denn noch bezahlbar ist. Immobilität, sprich ganz typische Gehprobleme im Alter, können dabei genauso eine fast simple aber grundsätzliche Rolle spielen das Leben in der Wohnung im 4. Stock oder auch nur 2. Stock eines Berliner Altbaus im täglichen Ablauf nicht mehr bewältigen zu können. Fehlende Anerkennung bis hin zum etwaigen Altersrassismus in einem überhippen Kiez, in dem mehr und mehr nur noch junge Leute leben, die darüber hinaus auch oft nur noch temporär für wenige Monate im Jahr zugegen sind und daher oftmals nur noch mit englischen Sprachschatz unterwegs sind. Nicht dass manche „dieser Alten“ nicht etwa auch dieser Sprache mächtig wären, nein, aber es gibt ihnen nicht unbedingt das besondere Gefühl von Heimat und deren Zukunft. Gleichzeitig tragen diese neudeutsch so genannten Hipster relativ ohnmächtig dazu bei die Mietpreise in die Höhe klettern zu lassen. Mietpreise die dann mit einer geringen Rente nicht mehr stemmbar sind, mögen ein weiterer einfacher wie extremer Grund sein, dass das Leben im Kiez trotz jahrzehntelangem Wohnen nicht mehr lebenswert erscheint. Was für jüngere Leute meistens kein großes Problem darstellt, um einen hohen Mietzins gemeinsam zu leisten, das zeitweilige Zusammenwohnen mit zumindest Gleichaltrigen, stellt für ältere eine viel größere Hürde da, bzw. wird oftmals außer mit Familienmitgliedern, soweit überhaupt noch vorhanden, komplett abgelehnt. Die derzeitige Pandemie bzw. die sich ständig auch ändernde risikoexponierte Situation der Älteren und Vorerkrankten, d.h. die besonderen Vorsichtsmaßnahmen für die besonders „vulnerablen“. Das Adjektiv „vulnerable“ btw übrigens auch eher sehr hipsterdeutsch.

Last not least gibt es da dann auch noch die ganz harten, ganz direkten “gentrification facts”, wie die Kündigung wegen Eigenbedarf, oftmals skrupellos bis fadenscheinig dem Profit wegen nur vorgegeben, aber durch immobilienfreundliche Richter*innen schließlich abgesegnet. Neben denen, die irgendwann trotz hohem Alter nächtlich auf Pfandflaschensuche durch die Bahnhöfe, Parks und Gassen ziehen, nicht mehr wirklich wahrgenommen, quasi anonymisiert, gibt es da auch noch einzelne Extreme, Menschen die ein Trauerspiel nicht mehr mitmachen wollten und ihrem Leben mit einem Sprung vom Balkon ihr Leben beendet haben. Das erscheint an dieser Stelle dramatisierend, doch es ist in nachweisbaren Fällen Teil der Realität – dieser Immobilienverwertung. Wohnungen scheinen nicht mehr zum Leben da zu sein, sondern sollen in erster Linie offensichtlich nur noch ein Produkt in der Verwertungsgesellschaft darstellen, in einem Marktmechanismus der Menschen eventuell sogar Jahrzehnte das Produkt zwar benutzen aber auch x-fach vollständig bezahlen lässt, um sich dem dann irgendwann nutzlos gewordenen Inhalt zu entledigen.

Kreuzberg ist besonders betroffen von dieser Entwicklung, wie es diese Grafiken aufzeigen, die Magnus Hengge, selbst seit Jahrzehnten Anwohner im Kiez, demonstriert und damit die demografische Entwicklung bei der Veranstaltung im Nachbarschaftshaus in der Cuvrystraße vor Publikum erläutert:

Im “lebensweltlichen Planungsraum” Wrangelkiez, zwischen Skalitzer Straße, der Spree und dem Landwehrkanal, sind weniger als 8% der Menschen über 80 Jahren. Sehr viel weniger als in anderen Bezirken. Konkret sind es 134 Kiezanwohner*innen. Stadtweit sind etwa 20% der Bevölkerung über 65 Jahren, das sind etwas mehr als 2000 Personen. Hingegen haben die um die 30jährigen im Kiez einen extrem erhöhten Anteil. 

Drängt sich also zwangsläufig die Frage auf:
Warum können oder wollen ältere Menschen
nicht mehr hier leben?  [Zum Video]

Gertrud und Erzählen? Gar kein besonderes Problem für sie, auch wenn sie der Idee gegenüber ihren Geburtstag als Anlass für eine Kiezveranstaltung zu nehmen zunächst sehr skeptisch betrachtete. Aber sie spricht gerne, voller Selbstvertrauen und manchmal auch ohne viel Scham mit direkten Worten über das, was für so viele fast aus einer anderen Welt zu stammen scheint, denn es kann so vieles sein, was in einer einzigen Lebensgeschichte, was da über Jahrzehnte hinweg passiert ist. Eigentlich manchmal kaum noch zu erfassen für die Beteiligten selbst. Also auch nicht unbedingt übergreifend erfahrbar für Jüngere, wenn man sich nicht häufig begegnet und gar keine Zeiten dafür findet. Doch genau dieses kommunikative Miteinander wäre so ausschlaggebend für die nachhaltige Lebendigkeit einer Nachbarschaft. 

Nicht nur die, die dieses stolze Alter bereits erreicht haben, sondern übergreifend auch die, für die sich die Begrifflichkeit “Ältere im Kiez” ungezwungen erschließt, waren eingeladen, zur Musik, zum Trinken und Essen oder auch spontan selbst zu erzählen. 

Daraus ergab sich bereits relativ schnell der gemeinsame Hintergrund, für Jüngere und Ältere, die verbindende Zielsetzung, sich um das Leben in einer lebendigen städtischen Nachbarschaft gemeinsam zu bemühen, zu sorgen – darüber ins Gespräch zu kommen.

Was zunächst nur als “Geschichten der Alten” daherkommt oder deswegen gar sehr schnell aus vielleicht auch Zeitmangel abgetan wird – entpuppt sich dann in der wirklichen Begegnung vor Ort schnell als elementar und dringend notwendig. Das simple Gespräch zwischen den Generationen eben, die Begegnung im Gemüseläden, der Drogerie, dem Park um die Ecke, die alte Bank an der Straße, die Plätze eben, die alle so extrem wichtig sind für die, die nicht mehr agil genug sind jedes Wochenende in einen Club zu gehen, aber auch die, die neu hier sind und nach einer gewissen Zeit den vermeintlichen Party’s müde geworden sind und gerne anfangen würden etwas mehr von dem zu verstehen wo sie denn nun eigentlich gelandet. Berlin ist nicht nur ein Ort der (kreativen) Produktion, sondern eben dadurch auch ein realer Lebensort mit realen bis banalen menschlichen Bedürfnissen.

Obwohl ja alles in Berlin eigentlich für die meisten auch sehr “anders” anfing und Sozialromantik nicht der erste Grund war nach Berlin zu gehen. Man wollte damals weg aus einer bürgerlichen Misere zu Hause. Das hippe, spannende Berlin lockte, genauso wie heute, die jungen Menschen aus allen Richtungen der Republik und darüber hinaus. Töchter und Söhne finanziell gesunder Familien aus dem ganzen Bundesgebiet kamen in Scharen, geflohen aus der Langeweile, der Selbstgefälligkeit, dem sogenannten Spießbürgertum des vermeintlichen Wirtschaftswunders der Nachkriegszeit. [Es gibt das Gerücht, dass es auch besonders viele aus Schwaben sind]. Seit der Wende wandelt sich Berlin zudem wieder immer mehr zur internationalen  Metropole. Zu der schon immer multikulturellen Stadtgesellschaft Berlins, die seit den Sechzigern eher durch sogenannte Gastarbeiterfamilien aus dem Mittelmeerraum geprägt war, sind nun die Menschen mit transkontinentaler Herkunft und all ihren Sprachen dazugekommen. Englisch dominiert dabei naheliegenderweise und verleitet die jungen Zugezogenen gerne dazu das als das Normale zu betrachten und sich erst gar nicht mehr um die deutsche Sprache zu bemühen. Doch das Englische ist nicht für jeden achzigjährigen Kiezbewohner auch die gewohnte Kommunikationsform.


Dabei ist Gertrud noch längst nicht einmal die Älteste der immer weniger werdenden Älteren im Kiez. Frau Böhl, seit über 50 Jahren aktiv in der Taborgemeinde, inzwischen über 90, ist jeden morgen bereits um 5:30 unterwegs … “es dauert eben inzwischen ein bisschen länger, deswegen hilft nur früher aufstehen”.  

Frau Böhl …. Esther Borkam, Leiterin des Nachbarschaftshauses, selbst einmal Teil des Teams der Taborkirche, im Gespräch mit ihr. Sie ist auch heute noch der Meinung, dass … [Zum Video]

“… seit 1961 im Kiez, ja und seitdem lebe ich hier, habe meine 3 Kinder groß gezogen, hab noch’s Enkelkind groß gezogen und ich lebe nach wie vor gerne hier, das sag ich ganz ehrlich […] der Görli, der umstrittene Görli, war eine Brache, bzw. kleine Brachen waren da drauf, in den Straßen wurden Autos montiert usw. usw. […] und dann kam die Initiative, die sich für den Görlitzer Bahnhof stark machte …” 


Klaus ….  Als er mit Rio Reiser die … kannte man das noch gar nicht.

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Wolf-Dieter aus der Lübbener, auch er hat die 80 inzwischen erreicht. Er erzählt, teilweise auch sehr kritisch, wenig beschönigend, aber sehr sachlich … “Also ich bin auch 81, wie […] wohne seit neunzehnhundertfünfzig hier im weiteren Kiez.

Wenn ich an den Kiez hier denke, dann denke ich vor allen Dingen an die unglaubliche Veränderung, die innerhalb der Immobiliengeschichten stattgefunden haben. […] meine erste eigene Wohnung, die ich hatte, hat 30 Mark im Monat gekostet. Das war Mitte der Sechziger.

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Manche mögen sie geradezu als vorlaut bezeichnen, aber in ihrem Alter … sagt sie … Sie gibt keine Ruhe – enorm diese Lebensenergie – aber vielleicht beflügelt eben auch genau das ab einem bestimmten Alter, wenn man die anderen längst überlebt hat.   [zum Video]


Auch Fancois hat viel zu erzählen – wie eben über die “Riviera” an der Mauer, damals, als es noch stand, dieses Monster. Oder das Kuckucksei, das weit mehr war als nur eine Cafe bzw. abends eine Kneipe.   

Francois, er kann so viele Dinge über den Kiez erzählen, über das Kerngehäuse, SO36, alte Hausbesetzerzeiten … 

“Es gab die Periode, als man versuchte die Häuser im Rahmen des Profitwahns mit Immobilien verkommen zu lassen oder gar aktiv beschädigte, um sie abzureißen. Im Prinzip ist das ja auch heute nicht sehr viel anders. Verpflichtende Instandsetzungsmaßnahmen werden konsequent unterlassen, nur heute folgt die Luxussanierung. Das Prinzip bleibt jedoch das gleiche.

Er erzählt über den Strand direkt am Todesstreifen an der Mauer am Landwehrkanal, das Kerngehäuse, das Kuckucksei …  und vieles mehr.

“Also wir wir denken ja alle, wir leben hier in einem Kiez, wo alle, nein alle?, aber irgendwie viele irgendwie gut drauf sind, alternativ, irgendwie tendenziell links. Irgendwie an einer gerechten solidarischen fortschrittlichen Gesellschaft interessiert – das war aber gar nicht immer so. […] als ich kam, neunzehnhundertachtzig, einundachtzig gab’s hier im Kiez, ein Cafe und zwar das Nachbarschatfscafe in der Falkensteinstraße, was dann später zum Kuckucksei. Hat in der Falkensteinstraße angefangen – da waren sie sechs Monate lang, nach sechs Monaten sind sie umgezogen in die Nummer 78 […] Ja, es gibt so viele Sachen, die man nicht kennt, obwohl man hier direkt daneben wohnt. […] die Häuser, die zum allerletzten hier im Kiez gebaut worden sind. Und zwar zwischen 1898 und 1900. Und die Kirche zum Beispiel, die Tabortkirche ist von 1905, die kamen dann dazu. […] diese Häuser, die hatten schon Bad und Toilette in der Wohnung. Was ja in den meisten Häuser drum rum nicht war […] das war ein besonderes Viertel und die Leute aus dem Kiez nannten das, das Beamtenviertel, obwohl da überhaupt kein Beamten drin gewohnt haben. Also es gab ein Kaffee, es gab zwei drei Restaurants und der Rest, was es gab, waren hauptsächlich nur Eckkneipen oder Saufkneipen […]”

“Das Kuckucksei war für uns das zweite ZuHause – ich war jeden Tag 4-6 Stunden im Kuckucksei, besonders im Winter, weil ich wohnte …” (Video ab ca. 5:30, aber auch schon vorher)

[Zum Video]


Nada erläutert die Zielsetzungen eines Projektantrages. Ein Forum für Kiezgeschichten …

“… Okay, also ich habe da hinten gesessen, ich habe vor allem auch mit Francois und mit und super interessanten Leuten gesprochen und ich kann gar nicht so wahnsinnig viel erzählen oder soll da auch nicht viel erzählen, sondern will euch eigentlich einladen, dass wir vielleicht gemeinsam überlegen, wie wir diese Geschichten, die so wichtig sind und so viel über den Kiez sagen, diese Geschichten, die wir heute so gehört haben und von denen es, glaube ich, echt eine ganze Menge gibt. Wir haben die Idee, dass wir die gerne ein bisschen konservieren wollen, dass wir die aufheben wollen, dass wir die für andere Leute weiter hörbar machen wollen und ich habe heute die ganze Zeit gedacht, ich habe mit den Leuten zusammen gesessen und gequatscht, ich habe euch hier zugehört und dachte so, okay, diese Atmosphäre, die hier passiert, wenn das die Leute wirklich live erzählen, die kannst du halt nicht reproduzieren, du kannst du nicht einfach eine Box aufstellen und die Leute irgendwie reinsprechen lassen und dann hört sich das jemand an und das ist dasselbe. Aber was trotzdem, glaube ich, ein guter Punkt ist, dass man überhaupt erstmal so ein Stückchen von so einer Geschichte noch behält und weiß, dass die Leute noch da sind und dass man die irgendwie noch ansprechen kann. Und das ist das, was wir mit den Stadtteilen oder Kiezgeschichten machen wollen. Und alle Leute, und das ist jetzt die Einladung, die irgendwie Lust haben oder sich dafür interessieren, was denn so für Orte hier im Kiez sind und was es für Geschichten gibt und wie groß die Regentropfen sein können […]  Die sind da super herzlich eingeladen, mit mir zu überlegen, welche Möglichkeiten es gibt, das aufzunehmen. Sei das halt zum Hören sei das als Video, sei das irgendwie, schreiben wir es auf, machen wir Theater, machen wir Leseabende? […]” [zum Video]


Gewitterregen können hitzige Gespräche abkühlen und zu interessanten Runden im Kiezanker führen. Noch immer besteht Unmut über das Geschehen um die Markthalle Neun – sicherlich auch noch immer ein Manko an Kommunikation.  


Das Video : Das 80er-Fest und die Initiative Bizim Kiez

Fotoimpressionen



















Vorsichtig nähert man sich dem Geschehen. Grundsätzlich scheint es …